Deine Stimme gegen Armut

Ai??rzte und Betriebe als Partner in der Regionalen Gesundheitsversorgung

laptopvon Detlef Hollmann (Projektmanager bei der Bertelsmann Stiftung), Prof. Dr. Holger Pfaff und Christoph Kowalski (Uniklinik KAi??ln, Abteilung Medizinische Soziologie)

Nach wie vor werden die Potenziale, die ein betriebliches Gesundheitsmanagement fA?r die Gesundheit der BeschAi??ftigten haben kann, nicht voll ausgeschAi??pft. Dies hAi??ngt insbesondere mit der geringen VerschrAi??nkung der betriebsAi??rztlichen TAi??tigkeiten mit derjenigen der auAYerbetrieblichen Leistungserbringer zusammen. Die Bertelsmann Stiftung fA?hrte gemeinsam mit der Uniklinik KAi??ln ein Projekt durch, in dem MAi??glichkeiten fA?r eine intensivere Zusammenarbeit des betrieblichen Gesundheitsmanagements mit niedergelassenen Ai??rzten einer Region zur Vermeidung von Krankheiten und zur FAi??rderung von Gesundheit der BeschAi??ftigten ausgelotet wurden. Dieser Beitrag stellt die HintergrA?nde und Ergebnisse des Projekts vor. …

Die geringe Integration von betrieblichen PrAi??ventionsbemA?hungen und MaAYnahmen der niedergelassenen Ai??rzte ist ein weltweites Problem. WAi??hrend es in der Vergangenheit in anderen EU-Staaten (Vereinigtes KAi??nigreich, Niederlande) mehr oder weniger erfolgreiche Bestrebungen gab, die Zusammenarbeit zwischen BetriebsAi??rzten und niedergelassenen Ai??rzten zu intensivieren, wurden in Deutschland bislang keine nennenswerten Initiativen eingeleitet.

In Deutschland findet die PrAi??vention im Setting Betrieb bislang weitgehend abgekoppelt von der TAi??tigkeit der niedergelassenen Ai??rzte statt. Dadurch kommt es zu EffektivitAi??ts- und EffizienzeinbuAYen an der Schnittstelle zwischen betrieblichem Gesundheitsmanagement und niedergelassenen Ai??rzten. Dies wurde in der Vergangenheit bereits von verschiedener Seite beklagt. Im Zuge einer Intensivierung von BemA?hungen zur betrieblichen PrAi??vention und GesundheitsfAi??rderung wird die Notwendigkeit einer besseren Zusammenarbeit von Betriebs- und niedergelassenen Ai??rzten deutlich. Die Abstimmung von Diagnostik und Therapie bei arbeitsassoziierten Erkrankungen sowie die Optimierung der betrieblichen Wiedereingliederung sind nur zwei Bereiche, in denen eine gute Zusammenarbeit zwischen niedergelassenen und BetriebsAi??rzten zum Wohle des Patienten mAi??glich ist.

Bislang existieren keine Standards zur Zusammenarbeit von Arbeitsmedizinern und niedergelassenen Ai??rzten. Ziel des von der Bertelsmann Stiftung und der Abteilung fA?r Medizinische Soziologie der Uniklinik KAi??ln gemeinsam durchgefA?hrten Projekts ai??zAi??rzte und Betrieb als Kooperationspartnerai??? (Ai??rBeK) ist es, solche Standards zu entwickeln, MaAYnahmen und Aufgaben der Beteiligten verlAi??sslich aufeinander abzustimmen sowie Patienten, Ai??rzte, Betriebe und KostentrAi??ger zur Kooperation zu bewegen, um eine bestmAi??gliche PrAi??ventivversorgung fA?r die Versicherten zu ermAi??glichen.

Die Formulierung von Standards zur Abstimmung der Aufgaben der unterschiedlichen Akteure erfolgt in Anlehnung an die gelAi??ufigen Behandlungspfade (clinical pathways) in Form so genannter ai??zPrAi??ventionspfadeai???. Diese PrAi??ventionspfade sehen die KlAi??rung von ZustAi??ndigkeiten und die Abstimmung des gesundheitsfAi??rderlichen, prAi??ventiven und gegebenenfalls kurativen Prozesses vor. Die EinfA?hrung des Pfadmodells ermAi??glicht ein effektiveres und effizienteres Helfen, bei dem alle beteiligten Akteure profitieren. KA?rzere Wege und schnellere Behandlungen sollen erreicht werden. Die zu erwartende grAi??AYere Transparenz ermAi??glicht die Beobachtung des Ursachenspektrums fA?r Erkrankungen aus einem grAi??AYeren Blickwinkel. Die Verbindlichkeit fA?r den Patienten, empfohlene Untersuchungen durchfA?hren zu lassen, kann durch die Vernetzung der Akteure gesteigert werden. Die MaAYnahmen werden in ein allgemeines betriebliches Gesundheitsmanagement eingebunden, um so die Gesundheit der BeschAi??ftigten zu fAi??rdern und Krankheiten zu vermeiden. Den BeschAi??ftigten eines Unternehmens und deren AngehAi??rigen soll ein besserer Zugang zu GesundheitsfAi??rderung und spezifischen PrAi??ventionsmaAYnahmen ermAi??glicht werden.

Zusammenarbeit vertrauensvoll und verlAi??sslich gestalten Die Entwicklung der PrAi??ventionspfade erfolgte A?ber einen mehrstufigen Prozess. Auf der Grundlage umfassender qualitativer Befragungen verschiedener Akteure (HausAi??rzte, BetriebsAi??rzte, FachAi??rzte, Patienten, Krankenkassen etc.) mittels verschiedener Methoden (leitfa-dengestA?tzte Interviews, Gruppendiskussionen mit Experten, Delphi-Verfahren) und einer Literatur- und Modellrecherche zur Best Practice im In- und Ausland wurde im Projektverlauf ein ai??zIdealmodellai??? entwickelt. Dieses Idealmodell soll die Integration der prAi??ventiven Versorgung unter Einbeziehung der BetriebsAi??rzte weitgehend unabhAi??ngig von herrschenden rechtlichen Rahmenbedingungen optimieren helfen. Die Pfade beschreiben den Ablauf des idealtypischen Behandlungsprozesses. Drei Krankheitsgruppen wurden ausgewAi??hlt, fA?r die im Rahmen von ai??zAi??rBeKai??? spezifische PrAi??ventionspfade entwickelt wurden: Herz-Kreislauferkrankungen, RA?ckenschmerzen und psychische Erkrankungen. GrA?nde fA?r diese Auswahl waren neben dem erheblichen PrAi??ventionspotential dieser Krankheitsgruppen die zunehmende Bedeutung (insbesondere im Fall der psychischen Erkrankungen) und der feststellbare Zusammenhang mit beruflichen Belastungen.

Neben der reinen Struktur der AblAi??ufe (wer tut wann was?) besteht die Notwendigkeit vertrauensbildender MaAYnahmen zwischen den BeschAi??ftigten / Patienten, BetriebsAi??rzten und niedergelassenen Ai??rzten. Dies legen auch Ergebnisse internationaler Studien nahe. Demzufolge bestehen divergierende finanzielle Interessen zwischen den Arztgruppen, teilweise werden Statusunterschiede wahrgenommen, wAi??hrend zugleich in aller Regel die mangelnde Kenntnis des TAi??tigkeitsfeldes der anderen Arztgruppe zu beklagen ist. Gleichzeitig werden BetriebsAi??rzte von Patienten und niedergelassenen Ai??rzten noch hAi??ufig als ReprAi??sentanten des Unternehmens betrachtet. Zwei MaAYnahmen sollen wesentlich zur Vertrauensbildung beitragen: Transparentes Ai??rztliches Vorgehen und Plattformen zum Austausch fA?r die beteiligten Mediziner. Eine patientenbezogene Kooperation zwischen BetriebsAi??rzten und HausAi??rzten kann selbstverstAi??ndlich nur bei vorheriger Schweigepflichtsentbindung durch den Patienten erfolgen. Erforderlich hierfA?r ist im Rahmen des entwickelten Modells ein informierter Patient, der A?ber die Datenhoheit verfA?gt. Diese erfordert die Einwilligung des Patienten bei jeder A?bermittlung von Informationen zwischen den Ai??rzten, unabhAi??ngig davon, ob diese telefonisch, auf dem Postweg oder ai??i?? ihre EinfA?hrung vorausgesetzt ai??i?? A?ber die elektronische Gesundheitskarte erfolgt.Ai?? Im Rahmen gemeinsamer Veranstaltungen soll zudem der persAi??nliche Kontakt zwischen den beteiligten Ai??rzten intensiviert werden. Das Modell der PrAi??ventionspfade Der PrAi??ventionspfad (s. Abbildung) ist das Ergebnis von Expertendiskussionen. In ihm werden die allgemeinen Strukturen und AblAi??ufe indikationsunspezifisch festgelegt. Sie sollten im Prinzip A?ber alle Krankheiten hinweg gelten. AuAYerdem ist eine Umsetzung grundsAi??tzlich unabhAi??ngig von regionalen Gegebenheiten und damit A?berall dort denkbar, wo Strukturen (HausAi??rzte, BetriebsAi??rzte, Krankenkassen) vorliegen, die denen in Deutschland Ai??hneln. Zur PrAi??vention verschiedener Krankheiten kAi??nnen spezielle Module verwendet werden. Analog zur Gestalt klinischer Behandlungspfade werden die ZustAi??ndigkeiten und TAi??tigkeiten der beteiligten Akteure geregelt. So ist jederzeit gewAi??hrleistet, dass die verschiedenen Beteiligten wissen, wo sie im Prozess stehen und welche Aufgaben sie zu erfA?llen haben. Zugleich ermAi??glicht die KlAi??rung der ZustAi??ndigkeiten und der AblAi??ufe eine zielgerichtete Evaluation. Zur Umsetzung der Pfade wurde zudem eine ai??zToolboxai??? entwickelt. Diese Toolbox enthAi??lt die erforderlichen Formulare zur Umsetzung der PrAi??ventionspfade mit detaillierten VorschlAi??gen zur konkreten Anwendung.

PrAi??ventionspfad

Der PrAi??ventionspfad regelt TAi??tigkeitsbereiche und Zusammenarbeit von HausAi??rzten und BetriebsAi??rzten. Der TAi??tigkeitsbereich des Betriebsarztes ist in der Abbildung gelb hervorgehoben, der des Hausarztes blau. Die Bereiche, in denen Haus- und BetriebsAi??rzte miteinander kooperieren, sind grA?n unterlegt.

Vorteile fA?r die Beteiligten Eine Intensivierung der Kooperation in Form von PrAi??ventionspfaden verspricht fA?r alle Beteiligten Vorteile. Der Versicherte erhAi??lt die MAi??glichkeit, regelmAi??AYig an Untersuchungen teilzunehmen, ohne dabei aufwAi??ndige Terminabsprachen oder Wartezeiten in Kauf nehmen zu mA?ssen. Zugleich kann er spezifische PrAi??ventionsangebote in Anspruch nehmen, die vom BetriebsAi??rztlichen Dienst ai??i?? ggf. in Absprache mit dem Hausarzt ai??i?? vermittelt werden. Im Falle medikamentAi??s zu kontrollierender Risikofaktoren (z. B. Bluthochdruck) wird der Versicherte zeitnah und zuverlAi??ssig an einen niedergelassenen Kollegen A?berstellt, so dass die medikamentAi??se Einstellung kurzfristig erfolgt. AuAYerdem kAi??nnen kurzfristig AuskA?nfte zu arbeitsbedingten Belastungen eingeholt werden. FA?r die niedergelassenen Ai??rzte ergibt sich dadurch ein Zuwachs an Patienten, die ansonsten nur im akuten Notfall eine Praxis aufsuchen wA?rden. Zugleich ist zu erwarten, dass die Compliance der Patienten durch die stAi??rkere BeschAi??ftigung mit wirksamen gesundheitsfAi??rderlichen und risikominimierenden MaAYnahmen steigt und sich ein grAi??AYeres Bewusstsein fA?r gesundheitsfAi??rderliches Verhalten einstellt. Es sollten sich daher bereits kurzfristig Therapieerfolge einstellen. FA?r die Unternehmen sind mittel- und langfristig gesA?ndere Mitarbeiter zu erwarten, zugleich ermAi??glicht die systematische Vernetzung von Ai??rzten und Unternehmen eine bessere Wiedereingliederung von Langzeiterkrankten. Als attraktiver Nebeneffekt mag auAYerdem eine positive Darstellung des Unternehmens nach auAYen erfolgen, der zu einer grAi??AYeren AttraktivitAi??t fA?r zukA?nftige Mitarbeiter fA?hrt. Die beteiligten Krankenkassen kAi??nnen sich neben langfristig stabilen Kosten auch Effekte auf die Kundenzufriedenheit erhoffen. Durch zufriedene Kunden steigen die Kundenbindung und AttraktivitAi??t der Kasse fA?r neue Versicherte. Es ist darA?ber hinaus zu erwarten, dass nicht nur die BeschAi??ftigten selbst von den im Modell veranschlagten konzentrierten PrAi??ventionsbemA?hungen profitieren, sondern auch deren FamilienangehAi??rige. Einerseits auf dem Weg A?ber Krankenkassen, die Check-ups und PrAi??ventionsmaAYnahmen auch den familienversicherten AngehAi??rigen zugAi??nglich machen, andererseits A?ber die Betriebe, die ihr Gesundheitsmanagement zu bestimmten AnlAi??ssen vorstellen (Tag der offenen TA?r, spezielle Gesundheitstage etc.).

Transfer in die Praxis Durch seine doppelte Generalisierbarkeit ai??i?? rAi??umlich und indikationsbezogen ai??i?? ist die Adaption des Idealmodells grundsAi??tzlich A?berall dort denkbar, wo PrAi??ventionspotenzial an der Schnittstelle zwischen Betrieb und niedergelassenen Ai??rzten entsteht. Durch die NichtberA?cksichtigung bestehender gesetzlicher Rahmenbedingungen ist auch die Implementierung A?ber Deutschland hinaus denkbar. Die Umsetzung ist nicht regional gebunden, sondern A?berall dort vorstellbar, wo prAi??ventive und gesundheitliche MaAYnahmen sowohl innerhalb als auch auAYerhalb des Betriebs umgesetzt werden.

Es empfiehlt sich grundsAi??tzlich die Umsetzung des Idealmodells nach dem ai??zBaukastenprinzipai???. AbhAi??ngig von bestehenden Strukturen und den zur VerfA?gung stehenden Ressourcen schlagen wir die sukzessive Implementierung der PrAi??ventionspfade vor. In den meisten FAi??llen sollte demnach der Herz-Kreislauf-Pfad am leichtesten zugAi??nglich sein, da er ohne groAYen Aufwand umzusetzen sein dA?rfte, sobald engagierte Akteure an einer Umsetzung interessiert sind. Diagnostische und therapeutische MaAYnahmen zu Herz-Kreislauferkrankungen sind in der Regel Bestandteil der hausAi??rztlichen Routine. Es entsteht nur ein vergleichsweise geringer Mehraufwand fA?r den niedergelassenen Arzt (Dokumentation, evtl. Kontaktaufnahme mit dem Betriebsarzt) und auch auf arbeitsmedizinischer Seite sollte die Vernetzung in die Routine einbezogen werden kAi??nnen.

WeiterfA?hrende Informationen Der umfassende Ergebnisbericht wird in KA?rze A?ber die Bertelsmann Stiftung zu beziehen sein.

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